Richtig Schreiben lernen ?

was tun, wenn's nicht so rund läuft?
Hier können auch Fragen zu Legasthenie, Dyskalkulie, ADS/ADHS, Konzentrationsschwäche o.ä. thematisiert werden.

Richtig Schreiben lernen ?

Beitragvon Gustav » 20.11.2006, 19:51

Guten Abend zusammen,

bevor ich hier anfange zu schreiben, habe ich mir mal ein paar Themen durchgelesen - nur das Thema was mir auf der Seele liegt habe ich leider noch nicht gefunden.

Unser Kleiner ist im 3.Schuljahr, das 1. und 2. waren kein Problem - gute Beurteilungen, keine Beschwerden etc. etc.

Was mich jedoch von Anfang an störte, war die "neue" Form die deutsche Rechtschreibung zu vermitteln.

Im 1. und 2. Schuljahr wurde vermittelt, dass es in Ordnung und gewünscht ist, Worte so zu schreiben, wie das Kind sie hört.

Der Effekt: Der Kleine ist sich mit einem Wort nicht sicher, spricht es laut und schreibt mit voller Überzeugung "sakt" anstatt "sagt".

Jetzt frage ich mich doch, wer kommt auf diese schwachsinnige Idee den Kids auf diese Art das Schreiben beizubringen ?

Natürlich habe ich nicht einfach so geurteilt, sondern mit anderen Eltern und Freunden gesprochen und siehe da, das o.g. Phänomen lässt sich ( zumindest in unserem Bekannten- & Freundeskreis ) bei Kindern bis ins 7. Schuljahr beobachten.

Und wir sitzen jetzt jetzt da und schreiben mit ihm Dikatet und Geschichten und alle paar Wörter muss im Duden nachgeschaut werden, wie das Wort denn nun richtig geschrieben wird.

Wir haben alle die deutsche Sprache schreiben gelernt, wieso muss man diese jetzt so blödsinnig rüberbringen ??

Klar Sache sind Kinder "verwirrt" und wissen nicht so recht was richtig und falsch ist, wenn sie es knapp 2 Jahre falsch beigebracht bekommen haben.

Mal fiktiv überlegt:

Das Kind lernt, falsche Wörter zu schreiben, nach 2 Jahren werden diese falschen "richtigen" Wörter als Lernschwäche ausgelegt und da sie nur noch üben und nicht mehr rausgehen und spielen, um sich austoben werden sie zappelig und bekommen Medikament damit es wieder mit dem Lernen funktioniert.

Hat da mal jemand eine Meinung zu ?
Gustav
 
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Beitragvon tineken » 26.11.2006, 18:41

Hallo Gustav!
Ersteinmal will ich dir sagen, dass es schön ist das ihr eurem Sohn helfen wollt. Ich hoffe ich kann dir mit meinem kleinen Beitrag zum Rechtschreibenlernen helfen!

Diese "schwachsinnige Idee" beruht auf der Überlegung, dass die phonetische Schreibung (schreib wie du sprichst) im Deutschen recht gut klappt. Probleme wie "sakt" statt "sagt" werden auf dem Weg zur orthographischen Schreibung durch (innere) Regelbildungsprozesse korrigiert, wobei zunächst auch Übergeneralisierungen auftreten können.
--> etwa Oper statt Opa

Der Vorteil die Kinder zunächst mit Anlauttabellen o.ä. so schreiben zu lassen wie sie sprechen, liegt darin, dass direkt auch sinnvolle Texte verfasst werden können; also etwa einen Brief an die beste Freundin anstatt Zeile um Zeile nur: Omi, Mimi, Mama. Omi mit Mimi.

Auch der Leselernprozess ist so deutlich sinnhaftiger, da beim Schreiben immer wieder erlesen werden muss, was bis jetzt verschriftlicht wurde.

Wenn du deinem Sohn helfen wilst die orthographische Stufe zu erreichen, sind, statt Diktaten, die (detekitivische) Betrachtung von "Aufpasswörtern", das Zusammensuchen von Wortfamilien (wegen des Morphologischen-, also dem Stammprinzip) und das weitere Üben des genauen Hinhörens ( so kann man etwa Konsonantendoppelung mit Hilfe des vorhergehenden "kurzen" Vokals hören) viel wichtiger.
--> sagt ist so ein Aufpasswort, da ich "sakt" höre aber "sagt" schreibe. Da muss ich andere Formen des Wortes finden. "er sakt" von "ich sage" also mit g schreiben.

Wenn in seiner Klasse viele Kinder die Regeln nicht richtig beherrschen könnte man auch mit dem Lehrer/ der Lehrerin sprechen, ob eine Wiederholung im Rahmen des Unterrichts oder von Förderstunden möglich sei, vieleicht steht ja eine Wiederholung oder Einführung eh schon auf dem Plan? Falls nicht, kann er/sie vielleicht Übungshefte oder Bücher empfehlen mit denen ihr üben könnt.

Auf jedenfall solltet ihr die Diktate nicht übertreiben, sonst besteht die Gefahr, das euer Sohn die Lust am schreiben verliert und hinterher vielleicht sogar "zu macht" und gar nicht mehr freiwillig schreiben mag oder nur noch denkt "ich schreib das jetzt eh wieder falsch".

Ich wünsche euch noch viel Erfolg!
tineken
 
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Danke !

Beitragvon Gustav » 26.11.2006, 19:14

Hallo,

danke für die ausgiebigen Informationen.

Ich sehe ein, dass dies bei der deutschen Sprache gut funktioniert - zumindest am Anfang - nur dass die Kids dann die Kurve bekommen....da habe ich ein Problem mit.

Es gibt für mich keine einleuchtende Erklärung, weshalb diese Art und Weise des Lehrens eingeschlagen wurde.
Seit ewigen Zeiten lernen wir erfolgreich unsere Sprache, dann kommt irgendwer auf so eine glorreiche Idee und "versaut" die Kids.

Vielleicht ein kleines Beispiel, die phonetische Schreibung ist um einiges einfacher und wenn ich mir die Art und Weise der Jugendlichen so anschaue, besonders in Chats oder in Foren - so wundert es mich nicht, dass die Pisa Studien unsere Schüler so niedrig einstufen.

Es wird tatsächlich so geschrieben wie umgangssprachlich gesprochen wird - und das sind nun wahrlich keine Einzelfälle.

Mein Resumee, irgendwer hatte eine "sinnvolle" Idee, hat ein Gremium davon überzeugt und nun müssen unsere Kinder es ausbaden.
Echt traurig ....

Grüße,

gustav

PS: 92 mal gelesen - eine Antwort ... Apell an all die Lehrer hier, versucht es doch mal zu analysieren was nun besser ist.
Initial flasch beibringen und dann korrigieren oder direkt von Anfang an richtig machen ... hat ja nun schon viele Jahre so funktioniert.
Und BITTE keine Argument wie "es wird den Kindern so leichter gemacht".
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Beitragvon XYZ » 26.11.2006, 22:25

Diese glorreiche Erfindung hat wohl ein Herr Sommer-Stumpenhorst gemacht. Oder war es eine Frau? Egal- auf jeden Fall ist diese Methode nach ihm/ihr benannt...

Meine Kinder sind inzwischen in der 2. bzw. 5. Klasse.

An unserer Schule wird mit der Anlauttabelle gelernt. Begleitend ein Lesebuch (Löwenzahn und Pusteblume) und Schreibarbeitsheft, indem bereits ab dem 1. Schuljahr ein kleiner GWS erarbeitet wird. Es werden auch solche Aufpasswörter etc. besprochen wie tineken es oben beschreibt.

Meine Tochter und ihre Freundin (auch aus der gleichen GS-Klasse) sind laut Aussage der Deutsch-Lehrerin (5.Klasse) "mit Abstand Jahrgangsbeste. Überhaupt keine Rechtschreibprobleme, Ausdrucksweise super... "

Also unseren hat es auf DIESE ART Erfolg gebracht.

Mit der S.-S.-Methode alleine wäre ich wohl auch unglücklich gewesen. Allerdings wird sie gerne angewandt, wenn in jahrgangsübergreifenden Klassen unterrichtet werden muss.. auch davon bin ich kein Fan. :P
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Beitragvon nurmaIso » 27.11.2006, 18:08

PS: 92 mal gelesen - eine Antwort ... Apell an all die Lehrer hier, versucht es doch mal zu analysieren was nun besser ist.


Hi Gustav,

du wunderst dich wirklich? Ich für meinen Teil habe keine Lust dir zu antworten - du fragst mir viel zu agressiv ("schwachsinnig...")


@xyz
Meines Wissens kommt die Methode von einem Schweizer (Jürgen Reichen) und nennt sich "Lesen durch Schreiben" - Wer jetzt zuerst da war ...?...

Ich habe übrigens damit ausschließlich gute Erfahrungen gemacht *lächel...

Lieben Gruß
nms
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Beitragvon XYZ » 27.11.2006, 20:44

Hi nurmaIso,

ich habe keine Ahnung wer schneller war. Ist ja auch egal. :P
Vielleicht gibt es da auch Unterschiede in der Methode?
Unter google hab ich das hier gefunden..

http://www.grundschulservice.de/

Wie gesagt, nur allein mit dem Schreiben nach Gehör (auf 2 ganze Schuljahre!) das wäre mir auch zu wenig..

Unterrichtest du so?
Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Kinder dann im 3. plötzlich auf Knopfdruck richtig schreiben können wenn sie es müssen.

Bei uns wird im 2. Schuljahr nur im GWSHeft korrigiert- beim freien Schreiben nicht. Obwohl ich inzwischen zu Hause auch schon mal sag: "Schau dir doch noch mal dies oder jenes an!" Oder "Hast du auch an die Satzanfänge gedacht?" :wink:

Dass sie die Anlauttabelle von Anfang an hatten, fand ich klasse!
So kamen ganz schnell die ersten Briefchen. *süüüüüüüß!*

LG
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Beitragvon nurmaIso » 27.11.2006, 21:40

ja genau xyz, das ist ja der große Vorteil.
Meine sind ganz besonders stolz, dass sie mit ihrer Anlauttabelle "alles auf der ganzen Welt in deutscher Sprache" jetzt schon schreiben können- zum Beispiel auch: Mama du nervst mich *lächel...

Ab dem zweiten Schuljahr kommen die Rechtschreibregeln langsam aber sicher ;-). Das klappt hervorragend und ich unterrichte seit vielen Jahren mit dieser Methode. Von den weiterführenden Lehrern habe ich auch nur positive Feedbacks erhalten.

Lieben Gruß
nms
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Beitragvon XYZ » 27.11.2006, 21:56

So wie du es beschreibst, läuft es bei uns ja auch. Ich schrieb es ja oben; wir haben auch nur super Erfahrungen gemacht.

Aber bei Gustavs Kind wird, wenn ich es richtig verstanden habe, 2 Jahre lang nix korrigiert. RS-Regeln kommen erst im 3. Schuljahr... Das ist zu spät...
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auf dem Weg zur Schrift

Beitragvon MarieNo » 29.11.2006, 16:07

Hallo,

auch ich habe das Schreiben selbst anders gelernt, als es jetzt in den Grundschulen beigebracht wird. Ich habe mir ein Buch ausgeliehen, um die neue Methode besser zu verstehen:

Brügelmann, Hans. Kinder auf dem Weg zur Schrift. Ein Fibel für Lehrer und Laien. Libelle Verlag, 1992. (1. Auflage, 1983).

Es ist ein sehr schönes Buch und lässt sich gut lesen. Ich bin allerdings noch nicht so weit gekommen mit der Lektüre. Ein Auszug befindet sich hier:

http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_ ... s_481.html

Auch mich interessiert der Übergang zwischen rein phonetisches Schreiben und das Schreiben von Aufpasswörtern.

Habt ihr noch mehr konkrete Tipps, wie man als Elternteil den Übergang unterstützen kann? Wann sollte man eingreifen und wann sollte man sein Kind einfach schreiben lassen?

Leiben Gruß
MarieNo
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Beitragvon tineken » 30.11.2006, 2:50

Hallo!

Vorweg: Reichen - Sommer-Stumpenhorst
Soweit ich weiß war Reichen zuerst da. Basierend auf seiner eigenen Lernerfahrung - er hat selbst erst sehr spät Schreiben und Lesen gelernt - hat er das konzept Lesen durch Schreiben entwickelt. Die Gehnemigung sein Konzept auszuprobieren hat er übrigends zu einem Großteil dem Umstand zu verdanken, dass sein eigenes Kind in der Klasse war, in der er es ausprobieren wollte.
Sommer-Stumpenhorst hat mit Reichen vorallem gemein, dass mit Hilfe von Anlaut- oder Buchstabentabellen zunächst lautgetreu verschriftlicht wird. Er verzichtet allerdings nicht ganz so radikal auf das geschriebene Wort und Rechtschreibregeln gegenüber dem Kind.
In den wenigsten Schulen wird streng nach nur einer Methode unterrichtet, in noch weniger Schulen streng nach Reichen ;-)

Für interessierte Eltern könnte die Seite:
http://www.rechtschreib-werkstatt.de/
nützlich sein. Sie bietet Einblicke in das Konzept von N. S.-S. und existiert auch als Version für Kinder.

...und für die ganz eiligen: Das Wichtigste ist den Kindern klar zu machen, dass ihr Verschriftlichen eine private Schreibung ist, es jedoch eine "erwachsenen Schreibung" gibt die sich an Regeln und Normen hält. Diese normierte Schreibung ist vorallem für den Adressaten, also den Leser eines Textes wichtig! Wenn ein Bewusstsein dafür das es eine "erwachsenen Schrift" gibt da ist, kommen Überlegungen und Fragen meist von selbst.

Ich hoffe ich konnte weiter helfen. Wenn noch Bedarf besteht, werd ich schaun, dass ich die Tage mal etwas mehr Zeit finde um Anregungen zu sammeln wie Kinder im Rechtschreiblernen unterstützt werden können.

Viele Grüße,
Tineken
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Beitragvon MarieNo » 30.11.2006, 14:22

Hallo!

danke für das Link:

Für interessierte Eltern könnte die Seite:

http://www.rechtschreib-werkstatt.de/
nützlich sein.


Ich finde die Hilfestellungen für Schüler nützlich. So konnte ich dank der Erklärung von "Herrn Wort" noch besser verstehen, was Du oben zur Zusammensetzung von Wortfamilien gemeint hast:

Wenn du deinem Sohn helfen wilst die orthographische Stufe zu erreichen, sind, statt Diktaten, [...] das Zusammensuchen von Wortfamilien (wegen des Morphologischen-, also dem Stammprinzip)[...] viel wichtiger.


Herr Wort:
http://www.rechtschreib-werkstatt.de/rs ... -wort.html

Ich denke, ich habe selbst die Rechtschreibung in meiner Muttersprache (Englisch) als Kind übers Lesen gelernt. Ich las gerne. Vielleicht fällt es den Kindern die gerne lesen leichter sich die richtige Schreibweisen einzuprägen? Wir hatten sicherlich keine Diktate, aber ich meine, daß meine Schreibfehler in kleine schriftliche Arbeiten korrigiert wurden. Noch mit roter Tinte! :)

Ich bin mal gespannt wie sich das mit unserem Erstklässler entwickelt.

Viele Grüße,
MarieNo
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Beitragvon Ninchen84 » 01.02.2007, 14:49

Hallo!
Schule ist nun mal nicht mehr so wie früher - Gott-sei-Dank! Man hat sie reformiert ( oder ist grade dabei dies zu tun), und das wurde auch Zeit. :D Ich finde die Methode übers Hören einfach mal schreiben toll, weil man eben von Anfang an lernen kann, dass man sich auch schriftlich mitteilen kann. Wenn der Lehrer jedes Mal sagt: " Was du da geschrieben hast ist falsch!" wäre ich als Kind frustriert und hätte keine Lust mehr zu schreiben. Dann doch lieber "Toll! Du hast richtig hingehört, aber die Erwachsenen schreiben das Wort anders. Das wirst du aber noch lernen!"
Übrigens ist richtig hinhören auch schon eine Kunst!!!!!

Und mal ganz ehrlich: "sagt" ist ein Wort, dass sehr häufig vorkommt. Vielleicht hilft da nicht nur trainiertes schreiben, sondern lesen von Kinderbüchern. Gemeinsam! Dann kann die Mutti jedes Mal, wenn "er sagt:..." zu lesen ist, auf die richtige Schreibweise hindeuten. Vielleicht klappts ja so, manche Kinder lernen auch nur übers sehen.
Viel Glück dabei!!!!
Ninchen84
 
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