Hallo Anja,
ich kann Dich gut verstehen, mein Sohn hatte ähnliche Probleme.
1.Die Idee jeden Tag mit ihm zu lesen ist gut, doch eine halbe
Stunde ist eindeutig zu lange.
Etwas machen zu müssen, was man eh nicht mag, da ist die
"gefühlte" halbe Stunde noch viel länger "als 30 Minuten".
Ich fände 10 bis allerhöchstens 15 Minuten und dafür aber
wirklich täglich angebrachter.
Das Üben soll ja keine Strafe sein.
2.Du weißt es sicher schon aus Büchern: aber trotzdem:
Immer gutes Vorbild sein und auch mal selbst was lesen.
Und vor allem : Lies auch Du ihm trotzdem oder gerade
deshalb immer wieder Geschichten vor.
3.Bei meinem Sohn haben sich die Schwierigekeiten erst in
der zweiten Klasse - für mich dann immer deutlicher gezeigt -
leider hat die Lehrerin angeraten ihm Zeit zu lassen.
Dies war ein Fehler, denn es muß nun ja auch in anderen
Fächern : HSU und Mathetextaufgaben immer mehr Text
(auch insbesondere in den Probearbeiten - wo es richtig um
Zeit geht) viel gelesen und auch verstanden werden.
Leider weiß ich nicht, aus welchem Bundesland Du kommst:
aber dennoch : ohne Dir Angst machen zu wollen:
Laß ihn von einem Arzt (wir waren in der Kinder- und Jugend-
psychiatrie der Uniklinik) auf seine Lesefertigkeit (kann auch
Schreibfertigkeit hinzukommen - in der nächsten Klasse wird
der Wortschatz der zu schreiben ist größer und die Kinder
können sich nun nicht "mehr alles auswendig merken")
testen.
Ich weiß es klingt schlimm, falls die Diagnose LRS (Legasthenie)
etc. gestellt wird. Bei meinem Sohn war es eine Lesestörung
sowie -zufällig dazu- ADS (also ohne Hyperkaktivität : solche
Kinder fallen dem Lehrer auch nicht auf: da sie ja nicht stören);
er bekommt nun -nach einem Jahr - einem verlorenen Jahr zögern
von uns Eltern - Ritalin LA : seitdem hat sich das
Schriftbild total gebessert und die Noten auch.
Zur Zeit verschlingt er die Bücher der Reihe "Baumhaus",
er ist jedoch nun in der 3. Klasse. Es liest sie selbstständig.
Er empfiehlt: Verschollen auf hoher See (auch ein Baumhausbuch)-
gefällt ihm am Besten - hat er soeben gesagt, als ich ihn
von Dir erzählte).
Über die Bücher der "Milli"-Reihe haben wir uns zusammen
schief gelacht - die habe ich aber vorgelesen.
Für die 1./2.Klasse gibt es sicher empfehlenswertere Literatur.
Ganz toll zum Vorlesen sind auch die "Findus-Bücher" -allein
schon wegen den Bandwurmsätzen.

Jedenfalls wünsche ich Dir ganz viel Glück und Mut und ich
finde es toll, wie Du dich engagierst und gleich am Ball bleibst.

Auch eine Lesestörung ist kein Weltuntergang, auch wenn
ich das zu Anfang dachte.
Wenn ich das mal laienhaft ausdrücken darf: die "anderen" Kinder
haben ein "Wortbildgedächtnis" , einen "Wortspeicher" , mein
Sohn hat soetwas leider nicht, daher die Schwierigkeiten.
Nach wieder einem Jahr - einen verlorenem Jahr warten -
haben wir uns durchgerungen nun mittels Attest einen
Nachteilsausleich in der Schule zu fordern, er bekommt
nun nach Anerkennung durch den Beratungsleher - oder wie
sich das nennt (Schulpsychologen ?) einen Zeitzuschlag
bei den Probearbeiten.
Es ist von der Benotung des Lesens befreit und muß in der
KLasse nichts laut vorlesen.
Leider nutzt er momentan den Zeitzuschlag meist nicht,
aber ich weiß, dass er die Möglichkeit hat.
Es ist für ihn -selbst in der 3. Klasse- schwer zu akzeptieren,
dass er angeblich nicht so gut wie die anderen Kindern lesen
kann - er will es nicht wahrhaben - da muß man harte Arbeit
leisten - auch der psychologische Faktor - das Selbstbewußtsein
sollte man nicht außer acht lassen.
Ja selbst innerhalb der eigenen Familie war es für mich
ein harter Kampf, diesen Nachteilsausgleich endlich zu
beantragen.
Da ich wie gesagt nicht weiß, aus welchem Bundesland
Du kommst, kann ich nun nicht näher ausholen; in
Bayern gilt so ein Attest bis zum Ende der vierten Klasse
und muß dann erneut geprüft werden.

Ich wünsche Dir viel Glück !!!
Liebe Grüße
Heidelinde